Workshop 5

Intersektorale Versorgung

Welche Aussage über die schriftliche Kommunikation Ihrer Praxis mit Krankenhäusern trifft am ehesten zu?

Anteil der Praxen in %

Gewichtete Verteilung: Differenz zu 100 % rundungsbedingt.

Quelle: Praxisbarometer Digitalisierung 2019, KBV (Stand: 2020)

Anteil der Praxen in %

Gewichtete Verteilung: Differenz zu 100 % rundungsbedingt.

Quelle: Praxisbarometer Digitalisierung 2019, KBV (Stand: 2020)

Sprengt die Digitalisierung die seit Jahrzehnten verhärtete Sektorengrenze?

Optimale Patientenversorgung funktioniert nur, wenn die Zusammenarbeit der Versorgungssektoren reibungslos funktioniert. Aber das ist die zentrale Herausforderung der Gesundheitspolitik. Mit dem DVG wird der Weg für eine Sektor übergreifende Vernetzung geebnet und damit ein Mehrwert für die Versorgung möglich. Der Workshop gibt einen Überblick über die theoretischen Möglichkeiten und zeigt zahlreiche praktische Beispiele, wie Sektorengrenzen durch Digitalisierung überwunden werden können. Die Ansätze sind vielfältig und reichen von Studien und regionalen Projekten hin zu Best Practise-Modellen. Als Ergebnisse können unter anderem zusammengetragen werden, dass sektorenübergreifende Versorgung von den Akteuren gewollt werden muss; dass die Kommunikation zwischen ihnen stimmen und wertschätzend sein muss und dass für sie jeweils die richtigen Daten verfügbar sein sollen.

Eine nicht zu verachtende Erkenntnis der Referent*innen besteht in einer positiven Resonanz der Patient*innen auf intersektorale Versorgungsangebote, stellt Workshopmoderatorin Prof. Dr. Clarissa Kurscheid, Gründerin, Gestalterin und Geschäftsführerin von figus dar. Auch lässt sich verzeichnen, dass der Bedarf an sektorenübergreifender Versorgung größer und komplexer wird, sodass die Akteure die Digitalisierung zur Weiterentwicklung z.B. von Casemangement- und Patientenlotsen-Konzepten nutzen sollten. Entsprechende Strukturen seien noch zu schaffen.

Workshop-Beiträge – Intersektorale Versorgung

Diskussion aller Referent*innen:

Versorgungsverbesserungsgesetz braucht Strukturen für intersektorale Versorgung

Moderatorin Clarissa Kurscheid bedankt sich bei allen Vortragenden und Teilnehmer*innen. Außerdem lädt sie nun zur Diskussion ein und fordert auch das Publikum auf, sich mit Fragen zu beteiligen. Sie adressiert im Folgenden ausgewählte Fragen an die Vortragenden und beginnt mit einer provokativen These: „Junge Startups und Unternehmen sprechen gar nicht mehr von Sektorengrenzen, sondern sagen‚ digital kommt vor ambulant und dann kommt stationär“ und fragt Frank Preugschat, ob er den jungen, dynamischen Menschen Recht gebe oder eher glaube, dass das etwas sei, das wir alle nicht mehr erleben würden. Preugschat glaubt durchaus, dass eine ganze Menge durch Startups entstehen werde, aber dass das Gesundheitswesen ein stark strukturiertes System sei1, welches schon viele Veränderungsversuche erlebt habe, bspw. IV Verträge im Jahr 2000. Seiner Ansicht nach würden viele kleine Lösungen entstehen, aber ein einzelnes Startup-Unternehmen könne keine Revolution im Gesundheitswesen starten. Das werde nur passieren, wenn es vom Gesetzgeber auch gewollt sei und angepackt werde.

Ob die Digitalisierung uns in der aktiven Versorgungslandschaft überfahren werde, lautet danach Kurscheids Frage an Dr. Christian Flügel-Bleienheuft. Er äußert klar, dass Digitalisierung um der Digitalisierung Willen nicht der Weg sein könne. „Wenn ich ein Problem erkenne, gilt es, dafür einen Prozess zu gestalten, einen Behandlungspfad zu gestalten und wenn dann Digitalisierung von Nöten ist, macht es Sinn, die Digitalisierung einzubinden. Die Digitalisierung ist nicht Herr der Lage, sondern sollte genutzt werden, wenn es notwendig ist“, so sein Statement.

Ansgar Jonietz hingegen glaubt daran, dass die Digitalisierung den Bereich auf jeden Fall sprengen werde, da die Patientin bzw. der Patient ja schon digital sei. Momentan verlasse die Patientin bzw. der Patient das Digitale, um sich mit dem Gesundheitssystem auseinanderzusetzen; weil er beim Arzt anrufen oder Befunde faxen müsse. Die Patientin bzw. der Patient wähle die Wege, um mit dem System umgehen zu können und nicht mit Sektoren. Die Patientin bzw. der Patient müsse oft gesteuert werden im komplizierten Gesundheitssystem. Deswegen denkt Jonietz, dass es im Gesundheitssystem vielleicht Strukturen gebe, die vielleicht gar nicht so notwendig seien und wo mit Digitalisierung das Ganze wieder zusammengeflickt werden könne, damit zum Beispiel Daten fließen könnten.

Ursula Hahns Einschätzung bezüglich digital vor ambulant vor stationär lautet: „Nicht in dieser Reihenfolge. Ich glaube, dass das reale Versorgungsgeschehen weiterhin an erster Stelle stehen wird. Aber Digitalisierung kann dazu beitragen, viele Prozesse und Angebotsstrukturen zu verändern.“

Wie so etwas konkret aussehen könne, fragt Clarissa Kurscheid in die Runde der Referenten und gibt ergänzend dazu eine Frage weiter, die sie aus dem Zuschauer-Chat ausgewählt hat: „Gibt es die Möglichkeit einer psycho-sozialen intersektoralen Versorgung für Mütter, von der Klinik zu niedergelassenen Kinder- und Frauenärzten?“ Frank Preugschat kann dazu Aufschluss geben und berichtet, die AOK sei im psycho-sozialen Kontext sehr stark über vernetzte Angebote aktiv. Das zusammenzubringen sei grundsätzlich machbar. Es müssten geeignete Partner gefunden werden, die daran teilnehmen möchten. Aber Digitalisierung biete eine gute Grundlage, mit der man den Patient*innen geeignete Instrumente an die Hand geben könne. Beispielsweise seien nach einer Entbindung viele auf Unterstützung angewiesen. Man könne die/den niedergelassene/n Ärzt*in oder die/den Kinderärzt*in oder die Hebamme direkt einbinden, hierbei helfe Digitalisierung. Angeschaut werden müsse der gesamte Prozess eines Krankenhauses, um die Nachsorge optimal strukturieren zu können.

Vor Ende der Diskussion hakt die Moderatorin noch zu einem Thema nach, das sowohl von Dr. Ursula Hahn als auch von Ansgar Jonietz angesprochen wurde und mit „Steuerung der Patientin bzw. des Patienten“ zu umschreiben sei. Von Dr. Christian Flügel-Bleienheuft möchte sie dazu gerne erfahren, wie das in Zukunft möglich sei und welche Chancen es diesbezüglich gebe. Das Versorgungsverbesserungsgesetz gebe eine erste Option, dennoch brauche es Strukturen, so Kurscheids Vorbemerkung. Die Steuerung der Patient*innen sei ein wichtiges Thema, unterstreicht Flügel-Bleienheuft. Momentan gleiche die Patientin bzw. der Patient einer Flipperkugel zwischen den Fachdisziplinen und den Sektoren. Er müsse eingefangen und wo nötig an die Hand genommen werden. Die immer komplexer werdenden Krankheiten und Therapiemöglichkeiten sehe er als Herausforderung. An erster Stelle stehe hier ein geeignetes „Case Management“, um Patient*innen zu führen – nicht zu steuern – damit er nicht verloren durch die Landschaft laufe. Auch hierzu brauche es sicher digitale Lösungen.

Das Stichwort „niederschwelliges Case Management“ greift Clarissa Kurscheid wiederum auf, um Frank Preugschat zu fragen, ob in den vielen Projekten der AOK dazu eines zu finden sei und ob man Patientenlotsen2 im Angebot habe. Er bestätigt, dass es bei der AOK verschiedene Begleitprojekte gebe, in denen Mitarbeiter*innen Patient*innen in diversen Krankheits- und Pflegesituationen unterstützen. Ansonsten fokussiere man sich bei der AOK darauf, die Ärztin bzw. den Arzt in die Rolle des Lotsen zu bringen. Mit dem Hausarztvertrag als Flagship solle die Hausärztin bzw. der Hausarzt bewusst in die Lage versetzt werden, die Versorgung mit den Patient*innen gemeinsam zu gestalten. Hierbei seien auch digitale Strukturen relevant, damit ein guter Austausch zwischen Hausärztin bzw. Hausarzt, Patient*innen und Fachärztin bzw. Facharzt stattfinden könne. Ursula Hahn ergänzt zu diesem Thema, ein Patientenlotse werde gebraucht, wenn ein Mensch überfordert sei. Dieser Falle liege häufig vor, insbesondere bei älteren Menschen. Dann habe man einen sektorenübergreifenden Versorgungsbedarf. Sie habe schon versucht mit Lotsen zu arbeiten und dafür medizinische Fachangestellte qualifiziert; dabei habe es sich um ein regionales Angebot für Menschen mit Sehbehinderung gehandelt. Insgesamt halte sie das Thema für hoch komplex, sagt Hahn. Außerdem sei der Loste als weiterer „Leistungserbringer“ im 1:1 Einsatz teuer. Wenn man Lotsen brauche für Informationssteuerung, sei es aus ihrer Sicht eine Verschwendung, hier eigne sich Digitalisierung besser. Wenn man aber Lotsen brauche, damit die Menschen geführt würden, damit sie eine Verhaltensänderung durchführen können, dann sei es eine wunderbare Lösung.

Obwohl noch viel zu berichten und zu diskutieren wäre, beendet Clarissa Kurscheid den Workshop pünktlich und bedankt sich bei allen Teilnehmer*innen.

Hier finden sich ergänzende Hinweise und Literaturen, die für die Themen vertiefende Informationen geben:

  1. Simon, M. (2016) Das Gesundheitssystem in Deutschland, 5.Aufl. Hogrefe, Bern.
    https://www.hogrefe.com/de/shop/das-gesundheitssystem-in-deutschland-76589.html
  2. Osterloh, F. (2019) Patientenlotsen: Hilfe im Versorgungsdschungel, Dtsch Arztebl 2019; 116(12):
    A-566 / B-466 / C-458,
    https://www.aerzteblatt.de/archiv/206217/Patientenlotsen-Hilfe-im-Versorgungsdschungel

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