Workshop 1

Digitale-Versorgung-Gesetz

„Wie viel Digitalisierung wünschen sich die Patient*innen?“

Quelle: www.bitkom-research.de S. Samerski, H. Müller / Z. Evid. Fortbild. Qual. Gesundheitswesen (ZEFQ) 144–145 (2019) 42–51 (Stand: 2020)

Quelle: www.bitkom-research.de S. Samerski, H. Müller / Z. Evid. Fortbild. Qual. Gesundheitswesen (ZEFQ) 144–145 (2019) 42–51 (Stand: 2020)

Wie viel Digitalisierung wünschen sich Patienten und wo liegen die Grenzen?

Gesundheits-Apps nutzen können, die auf Sicherheit, Funktionstauglichkeit, Qualität, Datensicherheit und Datenschutz geprüft und von der Krankenkasse finanziert werden. Selbstverständlich per Videosprechstunde durch die/den behandelnde/n Ärzt*in in der Therapie begleitet werden. Und flächendeckend auf digitale Angebote wie die elektronische Patientenakte (ePA) in einem sicheren Datennetz zugreifen, mit der Gewissheit, dass sensible Daten bestmöglich geschützt sind. All das will das Gesetz für eine bessere Versorgung durch Digitalisierung und Innovation (DVG) auf den Weg bringen. Ohne Zweifel markiert die zum 19. Dezember 2019 in Kraft getretene Gesetzgebung einen Paradigmenwechsel und verspricht den Bürger*innen, die Chance auf selbstbestimmte Lebensführung. Ziel des Workshops ist es, genau dies aus der Perspektive der Patient*innen zu hinterfragen und zu klären, wie sich das Leben und die Gesundheit durch digitale Versorgungsprozesse verändern. Entsprechend nehmen die Referent*innen in den Blick, inwieweit digitale Innovationen den Patient*innenbedürfnissen entsprechen und Nutzen für die Anspruchsgruppen bringen.

In der Auseinandersetzung mit diesen Fragestellungen wird herausgearbeitet, dass einerseits die Information und Kommunikation beispielsweise über Gesundheits-Apps Patient*innen besser darüber aufklären müsse, wie Unternehmen Daten nutzen können. Andererseits zum Wohle der Patient*innen auch eine digitale Ethik gebraucht werde, der sich die Entwickler verpflichtet fühlen. Auch wurde dargelegt, dass die ePA zwingend im Sinne der Patient*innensicherheit zu nutzen sei. Patient*innensicherheit könne nur entstehen, wenn der Zugriff auf alle Daten vom/von den Patient*innen und von allen Behandler*innen möglich werde. Daraus resultierende Zielkonflikte gelte es aufzulösen.

Des Weiteren wurde der Aspekt der Zugänglichkeit digitaler Innovationen behandelt. Da Digitale Gesundheitsanwendungen strenggenommen explizit kranken Menschen und solchen mit Einschränkungen oder Behinderungen nutzen sollen, müssten deren speziellen Anforderungen und auch der gesamte Behandlungsprozess einbezogen werden. Sämtliche Nachteile, die Menschen mit Einschränkungen entstehen könnten, müssten vermieden werden – auch solche, die aus der Auswertung von Daten hervorgehen könnten.

Grenzen der Digitalisierung seien vor allem da zu sehen, wo Patient*innen Innovationen nicht nutzen wollen oder können. Daher müsse der digitalen Gesundheitskompetenz der Patient*innen besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden und bei ihrer Entwicklung die Kräfte der Akteur*innen des Gesundheitswesens gebündelt werden. Mit dem DVG stehe ein großes Thema der Gesundheitsversorgung seit Ende 2019 auf der politischen Agenda, begann Moderator Martin Blaschka, Leiter des Zentrums für Innovation und Netzwerk im Gesundheitswesen (ZING!) , den Workshop und begrüßt die aus verschiedenen Studios bzw. von ihren Arbeitsplätzen zugeschalteten Referent*innen.

Deren Aufgabe sei es in den nächsten 70 Minuten im Hinblick auf die am 19. Dezember 2019 in Kraft getretene Gesetzgebung explizit die Sicht der Patient*innen und Versicherten einzunehmen und aufzuzeigen, welche Mehrwerte die Digitalisierung aus deren Perspektive biete und wo gegebenenfalls Grenzen zu berücksichtigen seien. Der Anspruch von gesetzlichen Krankenversicherten auf eine Versorgung mit Digitalen Gesundheitsanwendungen (DIGAs) sei ein Game Changer, so Herr Blaschka1. Doch während das Ziel klar ist, stehen hinter dem Weg bis zum Einsatz digitaler Anwendung in der Gesundheitsversorgung noch einige Fragezeichen.

So beispielsweise, sei noch nicht abschließend klar, welche Anreize auf Seiten der Leistungserbringer, Krankenkassen und Versicherten tatsächlich zu einem erfolgreichen Praxiseinsatz führen werden.

Workshop-Beiträge – Digitale-Versorgung-Gesetz

Diskussion aller Referent*innen:

Digitale Gesundheitskompetenz ist Implementierungsproblem2

Die Frage, wie digitale Gesundheitskompetenz der Patient*innen geschaffen werden können, gerät dann zu einem Dreh- und Angelpunkt der Diskussion zwischen den Referent*innen. Wie zuvor Dr. Elmar Waldschmitt ist auch Dr. Ruth Hecker der Ansicht, dass die Krankenkassen nicht allein diese „Herkulesaufgabe“ bewältigen könne. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V. sei in diesem Feld engagiert, aber es bräuchte mehr Player und deren Kräfte gelte es zu bündeln. Denn das Konstrukt der digitalen Gesundheitskompetenz sei kein Erkenntnisproblem, sondern ein Implementierungsproblem. Insgesamt sei die Gesundheitskompetenz rückläufig und vor allem in den letzten 20 bis 30 Jahren sei eine große Lücke entstanden. Beispielsweise würden vielfach Patient*innen die Kompetenz zur Unterscheidung von einfachen und schweren Krankheitssymptomen mit Fieber fehlen und aus Unkenntnis und Erfahrungsmangel mit einfachen Hausmitteln, in die Klinik und zu Ärzt*innen kommen, obwohl sie sich selbst Linderung verschaffen könnten. Hier müsse man gezielt gegensteuern, so Hecker.

Heinz Mehrlich sieht hingegen in den Krankenkassen durchaus den geeigneten Partner, der Digitalisierung in die Versorgung bringen solle. Konkret müsse von den Krankenkassen, wenn sie Patient*innen Gesundheits-Apps finanzieren auch überlegt werden, wie diese Patient*innen die Anwendungen bedienen können. „Die nackte App bringt nicht viel“, ist Mehrlichs Meinung. Er könne sich vorstellen, dass es ein neues Berufsbild mit einer Art Hebammenfunktion (Beratung, Schulung, Begleitung) brauche, welches sich darum kümmere, Digitalisierung im System zu implementieren, lautet seine Idee zur Problemlösung. Dr. Sarah Becker bemängelte, dass die Ärzt*innen im Prozess der Digitalisierung diejenigen seien, die abgehängt würden. Aber ein/e Ärzt*in könne verantwortungsvoll nur etwas verordnen, wenn sie/er selbst verstanden habe, wozu es nutzt und wie es funktioniert. Eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Ärzt*in und Patient*innen könne es nur so geben. Dr. Ruth Hecker ergänzt passend, dass Patient*innen ihre Fragen zu digitalen Anwendungen vorrangig ihrer/ihrem behandelnden und verordnenden Ärzt*in stellen und von dieser/diesem Antworten und Hilfe wollen. Dr. Elmar Waldschmitt greift diese Einwände auf und schränkt ein, dass den Krankenkassen die von der Gesetzgebung übertragene Aufgabe, die Digitalisierung ins System zu bringen nur gemeinsam mit den Leistungserbringern erfolgreich gelingen kann. Auch dann, wenn die Krankenkassen gemäß § 68 SGB V den Einsatz von Gesundheits-Apps veranlassen könnten, sofern die Hoheit der ärztlichen Therapie nicht beschädigt würde. Das DVG bringe Krankenkassen in eine viel aktivere Rolle und sie seien daher in der Lage, hinsichtlich der Gestaltung digitaler Innovationen viel voranzubringen. Sie seien nunmehr nicht mehr nur Payer, sondern auch Player. Dies bringe Krankenkassen in eine zwiespältige Rolle, die sie nur erfüllen können, wenn sie das Vertrauen der Kund*innen und Patient*innen genießen. Denn die Gefahr, dass die/der misstrauische Versicherte Sparabsichten unterstelle, wenn die Krankenkasse Gesundheitskompetenz aufbauen wolle, sei nicht von der Hand zu weisen. Entsprechend müsse man neben der prozessualen Lösung, wie die App zur/zum Patient*in kommt, Begleitprogramme aufsetzen, die Vertrauen schaffen. In der Schlussbetrachtung zeigt sich, dass Nachjustierungen und Herausforderungen bleiben, wenn Digitalisierung tatsächlichen Patient*innenbedürfnissen gerecht werden soll.

Hier finden sich ergänzende Hinweise und Literaturen, die für die Themen vertiefende Informationen geben:

  1. https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0038-1667451 
  2. Butzer-Strothmann, K., Annett Bork A., Forgó, N. (Hrsg.) (2018) Digitalisierung im Gesundheitswesen.

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