Workshop 3

Die Welt kämpft gegen das Coronavirus

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie wie die Schließung von Kindergärten und Schulen sowie Geschäften, die Einschränkungen bei Freizeitaktivitäten und die Kontaktbeschrän­kungen empfanden …

Anteil der Praxen in %

Quelle: www.marsilius-kolleg.uni-heidelberg.de, www.who.int, www.tagesschau.de, www.marsilius-kolleg.uni-heidelberg.de, www.rki.de (Stand: 2020)

Anteil der Praxen in %

Quelle: www.marsilius-kolleg.uni-heidelberg.de, www.who.int, www.tagesschau.de, www.marsilius-kolleg.uni-heidelberg.de, www.rki.de (Stand: 2020)

Pandemiemanagement und Konsequenzen für die Zukunft des deutschen Gesundheitssystems

Ein globales Ereignis hat das deutsche Gesundheitssystem, ebenso wie die Politik und die gesamte Gesellschaft im Land, herausgefordert und auf den Prüfstand gestellt. Zu Beginn der Pandemie musste schnell reagiert werden und Verantwortliche waren angehalten trotz unklarem Gefährdungspotenzial des Virus nach bestem Wissen und Gewissen die richtigen Maßnahmen zu veranlassen. Heute ist klar: Das Coronavirus hat vieles verändert. Mit dem Virus und nach dem Virus wird nichts mehr so sein wie zuvor. Jetzt ist der Zeitpunkt zum einen, um zurückzuschauen und das erfolgte Pandemiemanagement zu hinterfragen. Zum anderen, um aus den Erfahrungen zu lernen und wenn nötig auch grundlegende Veränderungen anzugehen. Genau darauf zielt der Workshop ab. Die besonders drastische Herangehensweise im Freistaat Bayern mit Ausrufung des Katastrophenfalls dient als Beispiel dafür, wie Strukturen zu Pandemiebekämpfung besonders schnell abrufbar werden konnten. Zugleich ist sie Indiz dafür, dass im Normalfall das System bürokratische Abstimmungs- und Verwaltungsabläufe aufweist. Die Lehren, die aus der Krise zu ziehen sind, müssen jetzt umgesetzt werden und das Gesundheitssystem muss neu gedacht werden. Dies zeigt der Workshop auf und genauso wie eine Vielzahl an möglichen Stellgrößen. Schlagworte in diesem Kontext sind zum Beispiel zentrales Pandemielager, regionale Maßnahmenentscheidung, Rückverlagerung von Arzneimittelproduktion, bessere Wertschätzung der Gesundheitsberufe und Eigenverantwortung der Bürger*innen.

Die Ideen und mögliche Impulsgeberinnen für Modifikationen des Gesundheitssystems sollen verstärkt auch in den veränderten Patientenbedürfnissen gesucht werden. Ein Werteindex und eine Impact Map aus dem Zusammenspiel von Megatrends können, wie im Workshop thematisiert, dabei herangezogen werden, wobei für ein gesundes Gesundheitssystem der Zukunft die Grundvoraussetzungen Transformation und Adaption sind. Aber auch die Erfahrungen, die praktizierende Medizinerinnen seit März 2020 gemacht haben, spielen eine Rolle bei den Anforderungen an ein „pandemiefähiges“ Gesundheitssystem. Eine Vernachlässigung von Elektivversorgung, Prävention und Früherkennung muss vermieden werden, wird im Rahmen des Workshops deutlich. Ebenso wird klar, dass die Rolle des öffentlichen Gesundheitsdienstes auch personell gestärkt werden muss.

Dr. Klaus Schlüter, Medical Director bei MSD und Moderator des Workshops begrüßt zunächst alle Teilnehmenden herzlich. Er freue sich über die interessanten Referentinnen, die mit ihren unterschiedlichen Hintergründen verschiedene Aspekte des Themas in den nächsten 70 Minuten darbringen und zu einer anregenden Diskussion beitragen würden. Versammelt seien die Trendforscherin und Journalistin Corinna Mühlhausen, die darüber sprechen werde, welche Veränderungen die Pandemie für die Gesellschaft, für uns selbst mit sich bringt und was sie uns lehrt. Zweites werde Dr. Jan Schröder als praktizierender Chefarzt der Onkologie im Evangelischen Krankenhaus Mühlheim a. d. Ruhr, Einblicke geben, wie sich die Pandemie auf die ärztliche Praxis und im Speziellen das Fachgebiet der Onkologie auswirke. Klaus Holetschek, der zum Zeitpunkt des MSD Gesundheitsforums ganz frisch seit August 2020 mit der Position des Staatssekretärs im Bayrischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege betraut sei, habe sich zur Aufgabe gemacht Bayerns viel diskutiertes Pandemiemanagement im Rahmen des Workshops darzulegen. Abgerundet werde die Runde der Referentinnen durch Bernhard Seidenath, der seit 2018 Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheit und Pflege des Bayrischen Landtags sowie seit 2019 Landesvorsitzender des Gesundheits- und Pflegepolitischen Arbeitskreises der CSU sei und daher mit den Augen eines langjährigen Landtagspolitiker auf das Geschehen in Bayern blicke.

Bevor die Referent*innen das Wort haben, nutzt Dr. Klaus Schlüter das Forum für eine kurze Berichterstattung zum Umgang mit der Pandemie aus Sicht des Unternehmens MSD und dessen wichtige Anliegen bezüglich des Pandemiemanagements. Insbesondere auf zwei Punkte geht er ein die zu einem gewissen Teil das Vorgehen vieler anderer Unternehmen reflektieren würden, zu einem anderen Teil aber auch Besonderheiten durch die Rolle von MSD als Pharmaunternehmen aufweisen würden.

Das dringendste Anliegen von MSD bestehe darin, die Arzneimittel- und Impfstoffversorgung jederzeit sicherzustellen1. Dies sei angesichts von Lockdowns und Liefereinschränkungen eine erhebliche Herausforderung, die von MSD bisher erfolgreich gemeistert worden sei . Auch weiterhin bestehe diese Herausforderung, z. B. im Hinblick auf die Pneumokokken-Schutzimpfung. Schlüter nimmt Bezug auf die Sendung „Report Mainz” vom 8. September 2020, in der Experten die Lieferengpässe und die deswegen eingeschränkte Pneumokokken-Impfempfehlung kritisiert und deren Folgen bewertet hätten.

Des Weiteren geht Schlüter darauf ein, dass MSD das Infektionsrisiko sowohl für Mitarbeitende als auch für externe, praktizierende Ärzt* innen, mit denen Mitarbeitende normalerweise Kontakt hätten, auf ein Minimum reduziert habe. So sei etwa der Außendienst frühzeitig eingestellt worden, um insbesondere zu vermeiden, das Virus von einer Praxis zur nächsten zu tragen . MSD habe sich darüber hinaus auf eine neue, zukunftsträchtige Arbeitswelt ausgerichtet (Homeoffice etc.), denn Bürokonzepte von vor einem Jahr hätten heute längst keine Gültigkeit mehr.

Bevor Schlüter an die Referent* innen übergibt, ist ihm zudem wichtig kurz auf die Perspektive des Unternehmens zu den zu erwartenden Auswirkungen der Pandemie auf das Gesundheitswesen einzugehen . Es komme, seiner Aussage nach, gegenwärtig zu einer Beschleunigung digitaler Trends im Gesundheitswesen. Zu erwarten sei, dass sich der Grad der Digitalisierung2 auch weiterhin rapide erhöhen werde . Zudem sei bei MSD eine Veränderung der Wahrnehmung des Nutzens von pharmazeutischen Produkten zu spüren . Diese habe sich positiv entwickelt und verzeichne eine höhere Wertschätzung. Zudem mache die Pandemie angesichts von Mittelknappheit auf die Wichtigkeit eines sinnvollen Ressourcenumgangs aufmerksam . Es gelte adäquate Preisbildungssysteme zu entwickeln, wozu auch MSD seinen Beitrag leiste.

Im Kampf gegen das Coronavirus und die COVID-19-Pandemie verfolge MSD drei Projekte, die auch Chantal Friebertshäuser zuvor schon angesprochen habe. Aktiv beteilige sich MSD an der Entwicklung verschiedener Stoffe gegen Corona . Zusammen mit Ridgeback Bio laufe die Entwicklung eines oralen, antiviralen Wirkstoffes, d. h. eine Behandlung zum Stoppen der Virusvermehrung im Körper. Mittlerweile wurden seitens MSD die erwähnten Impfstoffprojekte eingestellt. Allerdings arbeitet das Unternehmen derzeit an der Entwicklung einer weiteren antiviralen Substanz zur Behandlung von Covid-19 Patienten. In Bezug auf die Entwicklung neuer pharmazeutischer Produkte betont Schlüter ausdrücklich, was bereits in einer Mitteilung aller großen deutschen Pharmahersteller deutlich gemacht worden sei : Trotz zeitlicher Dringlichkeit angesichts der Pandemie sei die kontrollierte Wirksamkeit und Sicherheit der Mittel verpflichtend darzulegen und von den gegebenen Standards werde natürlich keineswegs abgewichen.

Workshop-Beiträge – Die Welt kämpft gegen das Coronavirus

Diskussion aller Referenten*innen:

Bei Corona-Impfung auf Information und Transparenz setzen

Nach diesem Statement von Seidenath eröffnet Moderator Klaus die Diskussion und reflektiert dabei auf eine Frage, die via Chat an Klaus Holetschek gestellt wurde. Ob Bayern schon an einem Plan zur Implementierung einer Corona-Impfung arbeite und ob man sich bereits Gedanken zur Kommunikation gemacht habe, vor allem vor dem Hintergrund, dass Umfragen zeigen würden, dass die bisherige Bereitschaft nicht ausreichend wäre, um eine Herdenimmunität zu erreichen, möchte ein/e Workshopteilnehmer*in wissen. Holetschek berichtet dazu, dass dieses wichtige Thema schon angegangen werde. Vergleichbar mit der Masernimpfung komme es in manch einem gesellschaftlichen Diskurs bereits zu verfassungsrechtlichen Fragen, enormen politischen Diskussionen und Diskussionen z. T. ohne Fakten. Man arbeite sehr intensiv daran. Auch in der Ländersitzung sei bereits über die Kommunikation um die Impfung gesprochen worden. Schlüter hakt an dieser Stelle nach, ob denn grundsätzlich eine Impfpflicht für Holetschek denkbar wäre und er glaube, eine solche werde von der Bevölkerung akzeptiert. Dazu entgegnet der Staatsminister er werbe für eine gute Aussteuerung der Kommunikation, Freiwilligkeit und eine Festlegung der Zielgruppen, die zunächst geimpft werden sollten. Eine Impfpflicht sei ihn persönlich nicht denkbar, werde aber im Ministerium auch teilweise diskutiert.

Corinna Mühlhausen äußert dazu, sie sehe dies ähnlich. Gerade die Personen, die gewisse Vorbehalte und Ängste gegenüber der Impfung hätten und auf der Kippe stünden, ob sie sich impfen lassen wollen bzw. eine Impfung Angehörigen empfehlen würden, könnten mit einer Impfpflicht nicht erreicht werden. Bei ihnen hätte die Pflicht sogar eine kontraproduktive Wirkung. Für sie seien Information und Transparenz über die Situation entscheidend.

Klaus Schlüter gibt nun das Stichwort „aufsuchende Impfangebote“ in die Runde und schildert seine Erinnerung, dass er diese in seiner Kindheit in der Form erlebt habe, dass das Gesundheitsamt ihm und seinen Mitschülern und die Pockenimpfung in der Schule verabreicht hätte. Dies sei nun die Überleitung zum öffentlichen Gesundheitsdienst und hin zu der Frage, wie es – außer durch Studienplatz-Garantien – zu schaffen sei, junge Menschen dafür zu begeistern, im öffentlichen Gesundheitsdienst zu arbeiten.

Medizinermangel beseitigen und Öffentlichen Gesundheitsdienst stärken

Bernhard Seidenath meint, ein großer Anreiz bestehe darin, dass es im öffentlichen Gesundheitsdienst keine Nachtdienste gebe. Bei der Bezahlung müsste man überlegen, wie man diese erhöhen könne. Für Mitmenschen da sein und das wichtige Gut Gesundheit in die Bevölkerung zu tragen, seien zu vermittelnde Werte, die ebenfalls zu einer Aufwertung des Gesundheitsdienstes beitrügen. Grundsätzlich solle aber der generelle Medizinermangel abgebaut werden, dann würden auch mehr Mediziner den Weg in den Gesundheitsdienst wählen, zeigt sich Seidenath überzeugt.

Klaus Holetschek meint dazu, eine Tätigkeit im öffentlichen Gesundheitsdienst sei ein attraktiver Job, und nicht bloß Bürokratie, wie es sich in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch verfestigt habe. Man arbeite an vielen interessanten Schnittstellen. Es gelte von der Tätigkeitsbeschreibung her den öffentlichen Gesundheitsdienst in den Köpfen attraktiver zu machen. Auch die Entlohnung spiele eine Rolle, wie Bernhard Seidenath es bereits angesprochen habe, und die höhere Flexibilität, die der öffentliche Gesundheitsdienst bieten könne.

Schröder ist an dieser Stelle in dem Punkt, dass das Geld eine wichtige Rolle spiele, anderer Meinung als Holetschek und Seidenath. Die Grundvergütung sei relativ gleich. Mehrbezahlung im stationären und ambulanten Bereich erkläre sich durch Wochenend- und Nachtdienste und sei dadurch berechtigt. Seiner Ansicht nach sei entscheidend, ähnlich wie Seidenath es bereits angedeutet habe, vorgelagert den allgemeinen Ärztemangel auszugleichen. Dann würden auch mehr Ärzte in den öffentlichen Gesundheitsdienst gehen.

Hier finden sich ergänzende Hinweise und Literaturen, die für die Themen vertiefende Informationen geben:

  1. Vogler, S. & Fischer, S. (2020) Lieferengpässe von Arzneimitteln,
    https://www.gkv-spitzenverband.de/gkv_spitzenverband/presse/pressemitteilungen_und_statements/pressemitteilung_978688.jsp
  2. Volker Möws, 2020 – das Jahr der Digitalisierung in: G&S Gesundheits- und Sozialpolitik, Seite 29 –
    37 GuS, Jahrgang 74 (2020), Heft 1, ISSN print: 1611-5821, ISSN online: 1611-5821

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