Krisensituation verlangt Umdenken

Via Livestream startet das 10. MSD Gesundheitsforum und die Moderatorin Rebecca Beerheide, Ressortleiterin der Politischen Redaktion des Deutschen Ärzteblattes, erläutert, dass Veranstaltungen im Jahr der Coronakrise anders sind. Die Begegnung finde im virtuellen Raum bzw. am virtuellen Tisch statt. Entsprechend begrüßt sie aus dem Studio Berlin die Teilnehmer an ihren eigenen Bildschirmen im ganzen Bundesgebiet sowie die Referenten in den Studios München und Köln zu einem digitalen Nachmittag. Für die mentale Einstimmung in die hybride Veranstaltung sorgt Pilot und Keynote-Speaker Philip Keil, der den Zuhörern mit eindrucksvollen Schilderungen aufzeigt, worauf es in Krisensituationen ankommt.

Philip Keils Thema sind an diesem frühen Nachmittag die „decision points“ des Lebens und die Tatsache, dass diese im Berufsalltag eines Piloten folgenschwere Konsequenzen haben. Für ihn als Pilot seien Routinen wichtig, weil sie Sicherheit und Kontrolle gewährleisten. Er sei es gewohnt, nach einem definierten Plan zu arbeiten; jedoch sieht dieser keine Lösung vor, wenn das Flugzeug in 13.000 Metern Höhe ein unvorhergesehenes Problem habe. In solchen Momenten ist laut Keil entscheidend, wie dem Piloten der Umgang mit dem Kontrollverlust gelingt.

Umgang mit Kontrollverlust ist ausschlaggebend

Philip Keil: „Wenn eine Krise von außen über uns hereinbricht, fühlen wir uns nicht mehr wie die Piloten unseres Lebens.“

Um Umgang mit Kontrollverlust ginge es auch in der Coronakrise1. Plötzlich befindet sich die Welt in einer turbulenten Zeit, in der jedermann Veränderungen abverlangt werden. Man erlebe sich in einer Krise und damit nicht mehr als Pilot des eigenen Lebens, führt Keil aus. Dieser Kontrollverlust verängstige und habe zu Beginn der Pandemie dazu geführt, dass Menschen einem Herdentrieb folgend Massen weise Toilettenpapier gekauft hätten, um für die Krise gewappnet zu sein.

Krisen lassen sich managen, wenn dies durch starke Teams geschieht, die gut geführt werden, lautet die Überzeugung des Berufspiloten. Die Voraussetzung dafür ist Vertrauen. Eine gute Führungskraft schaffe es, dass die Menschen sich selbst vertrauen – auch in Situationen, in denen es nicht nach Plan läuft.

Philip Keil: „Managen bedeutet Kontrolle zu haben, Führen bedeutet Vertrauen zu haben.“

Eine nachdrückliche Illustration dieses Dogmas liefert Keil mit seinen Schilderungen zum „Beinaheabsturz“ von Flug QF32 am 4. November 2010. Fünf Minuten nach dem Start in Singapur mit Ziel Sydney hatte die A380 in knapp 2000 Metern Höhe nach einem lauten Knall Teile der Triebwerk-Verkleidung verloren. Die linke Tragfläche stand in Flammen und war zerstört. Doch dem erfahrenen Piloten Richard de Crespigny sei es gemeinsam mit den beiden Co-Piloten gelungen eine Notlandung in Singapur zu meistern und damit die Leben von rund 460 Insassen zu retten.

Veränderungen beginnen mit neuen mentalen Bildern

Die Frage, wie Richard de Crespigny das geschafft habe, führt zum Kern dessen, was Philip Keil den Teilnehmer*innen des 10. MSD Gesundheitsforums vermitteln will. Piloten seien, darauf trainiert Probleme im Cockpit zu erkennen und abzustellen, erläutert Keil. Und so habe Richard de Crespigny die Hände vom Steuer genommen und die Augen geschlossen als er merkte, dass sie die Kontrolle verlieren. Ohne zu wissen, dass ein Großteil der wichtigsten Systeme an Bord ausgefallen waren und ohne verstehen zu können, wieso alles auf einmal ausfallen kann. Sein mentales Bild war „Probleme erkennen und abstellen“, aber mit diesem kam er nicht mehr weiter, sodass er es geändert habe: Obwohl er das größte Verkehrsflugzeug der Welt lenkte, habe sich de Crespigny vorgestellt, er säße in der Cessna, in der er das Fliegen gelernt hat. Und obwohl die Situation gleichblieb, schaffte er das eigentlich unmögliche Vorhaben, ein viel zu schweres Flugzeug zu landen, weil er seine Perspekive geändert und sich auf das besonnen hat, was für eine Landung das Wesentliche ist: Tragflächen und Räder.

Zu der Crew habe der Pilot in dieser Situation gesagt: „Wir müssen aufhören uns auf das zu konzentrieren, was nicht geht, sondern auf das, was noch funktioniert“ und damit den Anstoß gegeben, dass das Team umgedacht und einen neuen Fokus gewonnen habe. Jedes Crewmitglied habe volle Verantwortung für seine Rolle und für das Team übernommen und auf die Gültigkeit des Satzes vertraut, den der Chefpilot vor jedem Take-off äußerte. Nämlich, dass auf diesem Flug alle Fehler machen werden und man sich gegenseitig korrigieren müsse.

So wie es in diesem Fall gelungen sei eine hochkomplexe, chaotische Situation auf das Wesentliche zu reduzieren, stelle sich laut Philip Keil in jeder Krise die Frage „Wie sieht deine Cessna aus?“ Jede Veränderung im Leben beginne mit einem neuen mentalen Bild, das das fokussiert, was in der Situation wirklich wichtig sei. „Wer Ziele erreichen will, muss Menschen erreichen.“ Mit dieser vermeintlich einfachen Formel bringt Philip Keil auf den Punkt, was den Kern von Führung ausmacht und schafft es zu vergegenwärtigen, dass die Krise den Blick dafür schärft.

Hier finden sich ergänzende Hinweise und Literaturen, die für die Themen vertiefende Informationen geben:

  1. Rieger, R. (2020)Die Corona-Krise 2020 - Massenhysterie oder Sieg der Vernunft?: Die Corona-Krise 2020 aus Psychologischer Sicht - Psychologische Mechanismen und Erkenntnisse, tredition Hamburg (W)

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